Zugspitze Nordwand – Eisenzeit

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Es ist Samstagmorgen 04:30 Uhr. Ich sitze im Auto Richtung Garmisch-Partenkirchen. Hinter mir versucht Felix noch ein paar Stunden Schlaf abzubekommen, neben mir döst mein Bruder. Bei Sonnenaufgang wollen wir in die Nordwand der Zugspitze einsteigen. Im restlichen Auto verteilt, alles was das Bergsteiger Herz begehrt.

 

Einstieg in die Route

Gegen 08:30 Uhr parken wir endlich auf 1008m ü.N.N. an der Talstation Eibsee und sortieren nochmals unsere Ausrüstung, genau abwägend was wir wohl brauchen würden. Gut ausgerüstet machen wir uns auf den Weg zum Einstieg. Unser Ziel ist natürlich der Gipfel der Zugspitze. Jedoch wollen wir diesen heute über eine besondere Route, die erst 2013 von ein paar Bergführern aus München eröffnet wurde, erreichen, die „Eisenzeit„. Der Weg beginnt seicht, in einigen Serpentinen geht es die derzeit nur mit leichtem Firn bedeckte Skipiste herauf. Noch ist der schwere Rucksack mit all der Ausrüstung das anstrengendste. Nach zwei Stunden erreichen wir die Station Riffelriss, die Zwischenstation der Zugspitz-Zahnradbahn.

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Eine kurze Teepause und schon geht es noch eine weitere halbe Stunde aufwärts, zum Einstieg in die Route. Die ersten 880 Höhenmeter haben wir bereits hinter uns, bevor wir unsere Klettergurte anziehen und an einer alten Seilbahnstation vorbei durch den Schnee stapfen. Der Weg wird schlagartig anspruchsvoller und wir nehmen die Pickel zu Hilfe, um sicher über die Schneefelder zu gelangen. Die Bedingungen könnten kaum besser sein. Die Temperatur liegt bei 0 Grad, am Himmel ist keine Wolke zu sehen und auch die letzten Tage gab es keinen Neuschnee. Die Schuhe greifen perfekt in dem angefrorenen Schnee. Wir brauchen nicht einmal Steigeisen.

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Klettersteig Kategorie „Uralt“

Nach mehreren hundert Metern einen Gang querend, finden wir den in der Routenbeschreibung geschilderten Schrotthaufen, der die Kehrtwende markiert. Von nun an geht es steiler bergauf und bedacht steigen wir weiter, stets ohne das in der Wand vorhandene alte Sicherungsmaterial zu verwenden. Zu unsicher wäre es, sich auf die verrosteten alten Bolzen und Drahtseile zu verlassen. Nach 200 Höhenmetern müssen wir dann aber doch an das alte Material. Der Weiterweg führt über eine alte Leiter, die von den Bergführern 2013 Harakiri Leiter getauft wurde. Auf den wackeligen Sprossen stehend zeigt sich, wie passend dieser Name ist, und so gut es geht weichen wir auf umliegenden Fels und Schnee aus.

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Am alten Strommast gönnen wir uns noch eine kurze Pause, bevor es über eine der Schlüsselstellen im Grad IV- nochmals mehrere hundert Höhenmeter nach oben geht. Mit jedem Höhenmeter kommt mehr Schnee auf uns zu, der den teilweise brüchigen Fels überdeckt. Durch die immer noch kalten Temperaturen (wir werden in der Nordwand den ganzen Tag über auch keinen Sonnenstrahl mehr abbekommen), greift der Firn aber immer noch optimal. Wir kraxeln noch über zwei weitere Leitern, bevor wir an unserem Tagesziel ankommen: Dem 4. Stollenfenster. Ein Blick aufs Handy sagt uns 15:00 Uhr und 2350 Höhenmeter ü..N.N.

 

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Biwak in der Nordwand

Der alte Klettersteig der den Weg bis hierhin markierte, wurde früher genutzt, um gleichzeitig an mehreren Stellen am Tunnel für die Zahnradbahn zu arbeiten. Die Arbeiter stiegen über den gesicherten Weg auf und blieben dann bis zu fünf Tage oben im Berg. Genau wie sie, werden wir heute im Stollen biwakieren. Jetzt verstehen wir auch den Spitznamen „Eiger Nordwand light“. Genau wie am Eiger führt der Stollen in den Tunnel der Bahn und durch die Fenster gelangt man direkt in die steile Nordwand. Ein genialer Anblick.

 

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Wir reißen uns von dem Ausblick los, um etwas Schnee zu schmelzen und einen Kaffee aufzusetzen. Der restliche Tag vergeht schnell mit Biwak einrichten, die morgige Route einstudieren und Kochen. Bereits um 17:00 Uhr geht hinter dem Berg die Sonne unter und so langsam kriechen wir in die warmen Schlafsäcke. Immerhin sind es mittlerweile -5 Grad. Der Stollen bietet zum Glück einen guten Windschutz und so schlafen wir früh ein, um noch etwas Schlaf nachzuholen.

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Garderobe im Stollen.

 

Bei Minusgraden aus dem Schlafsack zu kriechen ist immer eine Herausforderung für sich. Doch nach dem ersten Tee und einem Müsliriegel zum Frühstück geht es uns schon besser. Wir packen die Ausrüstung wieder ein, gurten an und zwängen uns bereits um 08:00 Uhr durch das zugeschneite letzte Tunnelfenster.

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Kletterroute durch Fels, Eis und Schnee

Jetzt erst geht es so richtig ans Klettern und wir binden uns in die zwei Halbseile ein. Vorteil dadurch: der Rucksack wird noch ein Stück leichter. Bedacht suchen wir uns den Weg durch Fels, Schnee und Eis. Die Route ist zwar sehr gut beschrieben, aber aufgrund der wenigen vorhanden Haken müssen wir doch etwas genauer hinschauen um nicht die falsche Abzweigung zu nehmen. Nach sechs Seillängen erreichen wir eine weitere Schlüsselstelle der Route, die „brüchige Stufe“ mit anschließender Rinne, welche 45m fast senkrecht nach oben führt. Brüchig beschreibt die gesamte Route ziemlich gut. Immer wieder findet sich lockerer Fels und hin und wieder halte ich einen Griff der zunächst vertrauenswürdig aussah lose in den Händen.

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Steigeisen an und weiter geht’s! Immer nach oben.

 

Schnaufend lassen wir die Rinne hinter uns und queren zwei weitere Seillängen über die schotterige Rampe. Kurz nachdem wir die 2500m Marke überschritten haben geht es ein 100m hohes Schotterfeld hinauf. Der Schotter bietet wenig Halt und auch Sicherungsmöglichkeiten finden wir kaum. Der Wind pfeift uns kalt um die Ohren, als uns doch noch eine Idee kommt. Kurzerhand schnallen wir die Steigeisen an und umgehen das Schotterfeld auf dem festen Firn. Die Eisen krallen sich perfekt in den harten Schnee und mit etwas Anstrengung können wir auch diese zwei Seillängen überwinden. Die letzten beiden Seillängen im 3. Grad steige ich fast schon euphorisch vor, denn der Ausstieg oben am Grad auf 2680m ist bereits zu sehen. Einen Stand und ein paar Zwischensicherungen später stehen wir endlich oben. Die Stimmung ist perfekt, wir sind die Kletterroute Eisenzeit im Winter durchstiegen.

 

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Gute Stimmung am Standplatz!

 

Bevor es aufwärts geht, geht es erst einmal abwärts

Als ich über den Grat zum gegenüberliegenden „Pfeilerkopf“ schreite, ahne ich jedoch schon das wir Probleme bekommen könnten. Von der Abseilstelle, die mit einem Stab markiert ist, ragt gerade noch so die Spitze aus dem mit 1,5m Schnee bedecktem Fels heraus. Irgendwo unter dem Schnee müssen zwei Bohrhaken liegen, die wir zum Abseilen benötigen. Die Route auf den Gipfel geht ca. 45m tiefer über den Höllentalsteig weiter.

Ich fange also an den Schnee beiseite zu räumen und lege den Fels frei. Nichts. Keine Bohrhaken sind zu sehen. Mehrmals blicke ich aufs Topo, doch so genau ist die Abseilstelle nicht verzeichnet. Nach einiger Zeit gebe ich auf und kehre zurück um uns zu beratschlagen. Ein paar Spuren führen weiter über den Grat nach oben, also entscheiden wir eine halbe Seillänge vorzusteigen um den Weg zu erkunden. Es zeigt sich aber schnell, der Weg über den Grat ist ebenfalls voller Schnee und nur mit mobilen Sicherungen zu begehen. Felix startet eine erneute Suche nach den Bohrhaken, der halbe Fels des Pfeilerkopfs liegt bereits frei, aber immer noch ist kein Haken zu sehen.

 

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Nach einer Stunde in der wir viel Energie vergeudet haben, fassen wir einen Entschluss. Mit zwei großen Bandschlingen legen wir uns selbst eine Abseilstelle oben am Grat zurecht. Von den Bohrhaken aus soll es ca. 45m nach unten gehen. Zwar gibt es zwischendurch einen Standplatz, wir gehen jedoch nicht davon aus diesen zu finden. Zusammen mit den 10m bis zum Grat müssten unsere beiden 60m Halbseile für die Strecke eigentlich ausreichen.

Nachdem wir uns mehrfach von der Stabilität unseres Standplatzes überzeugt haben, wage ich es, in die Rinne Richtung Klettersteig zu Seilen. Wie erwartet, finde ich nach 25m keinen weiteren Standplatz, also seile ich weiter in Richtung des bereits sichtbaren Drahtseils. Noch 15m Seil, noch 10 Meter… auf den letzten fünf Seilmetern erreiche ich den Klettersteig und hänge mich in diesen ein. Geschafft. Mit einem lauten „NACHKOMMEN“ signalisiere ich das freie Seil, keine 10 Minuten später stehen Basti und Felix neben mir, ebenfalls mit den Beinen komplett im Schnee versunken, und ziehen das Seil ab.

 

Gipfelsturm zur Zugspitze

Der weitere Weg ist zwar technisch nicht mehr sehr anspruchsvoll, da er gut abgesichert ist, es sind jedoch immer noch 300 Höhenmeter bis zum Gipfel. Ein kurzer Blick auf die Uhr: 15:50 Uhr. Da wir wissen das die letzte Gondel um 16:45 Uhr ins Tal fährt, legen wir uns trotz der Erschöpfung die der Kraftakt auf dem Grat hervorgerufen hat nochmal ins Zeug. Zügig stapfen wir durch den hohen Schnee.

Immer weiter geht es an der ebenfalls schattigen Wand nach oben, nur unterbrochen von klappernden Karabinern. Unsere Oberschenkelmuskulatur und Atmung signalisieren uns deutlich, das es nun an der Zeit wäre eine längere Pause einzulegen, doch wir gehen weiter. Irgendwann lassen wir es auch mit den motivierenden Worten bleiben und jeder bahnt sich für sich seinen Weg nach oben. Nur langsam kommt uns das goldene Gipfelkreuz entgegen, hinter ihm geht bereits die Sonne unter. Endlich windet sich der Steig auf den Gipfelgrat.

 

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Unter Mobilisierung unserer letzten Kräfte erreichen wir den höchsten Punkt auf 2962m. Erleicherung macht sich breit. Der Moment des Gipfelsieges dauert jedoch nur einige wenige Sekunden an, nach einem schnellen Foto gehen wir direkt weiter zur Gondel, in der Hoffnung das wir heute noch ins Tal zurück kommen. Der Eingang ist bereits versperrt. Der Blick auf die Uhr verrät uns weshalb: 16:54 Uhr. Trotz des zügigen Aufstiegs haben wir die letzte Gondel um zehn Minuten verpasst. Gedanklich stellen wir uns bereits auf ein weiteres Biwak ein, als Felix noch ein Licht brennen sieht. Als wir mit der letzten Betriebsfahrt mit den Angestellten der Bahn doch noch ins Tal kommen, können wir endlich unseren Erfolg der „Eisenzeit“ genießen. Knapp 2000 Höhenmeter für die wir im Aufstieg 14 Stunden gebraucht haben fliegen in 10 Minuten unter uns weg.

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